Mehr Kinder mit Covid-19-Diagnose im Krankenhaus - Vergleich irreführend

21/10/2021, 09:20 AM (CEST)

Seit Ende Mai können sich Kinder ab 12 Jahren in Deutschland gegen das Coronavirus impfen lassen. Seit Mitte August empfiehlt das auch offiziell die Ständige Impfkommission (Stiko). Grundlage für diese Empfehlung sind wissenschaftliche Daten, die zeigen, dass die Vorteile der Impfung die Risiken überwiegen. Dennoch verbreiten sich weiter Mythen und falsche Informationen über die Impfung und die Bedeutung von Impfreaktionen. In einem Bericht (archiviert) heißt es etwa: «Deutlich mehr Kinder mit Impfreaktion als mit COVID-19-Diagnose im Krankenhaus». Stützen offizielle Zahlen diese Behauptung und ergibt der Vergleich überhaupt Sinn?

Bewertung

Die Behauptung ist falsch. Es wird eine falsche Anzahl für Kinder genannt, die mit Covid-19-Diagnose im Krankenhaus lagen. Es waren für den angegebenen Zeitraum rund 5851 und nicht 1225 Fälle. Zudem ist der Vergleich irreführend, der zwischen den 1228 Verdachtsmeldungen von Nebenwirkungen und den Krankenhauseinweisungen gezogen wird. Einerseits ist der ursächliche Zusammenhang bei den möglichen Nebenwirkungen nicht bestätigt, andererseits geht es meist um eher harmlose gemeldete Impfreaktionen wie Schmerzen an der Injektionsstelle, Kopfschmerzen, Ermüdung und Fieber.

Fakten

Seine falsche Schlussfolgerung stützt der Beitrag von «RT Deutsch» auf Zahlen aus offiziellen Quellen. Zum Teil sind die allerdings falsch ausgewählt, zum Teil wird ihre Bedeutung irreführend dargestellt.

Die Zahl aller seit Beginn der Pandemie wegen Covid-19 im Krankenhaus behandelten Kindern und Jugendlichen soll aus einer Bilanz des Robert Koch-Instituts (RKI) vom 16. Juli stammen. Dieser Bericht nennt jedoch nicht die Gesamtzahl der wegen Covid-19 hospitalisierenden Kindern und Jugendlichen. Die dort erwähnten und auch von «RT Deutsch» übernommenen 1225 Krankenhaus-Einweisungen beschreiben einen Sonderfall: Covid-Fälle von Kindern, die zuvor in Kitas, Schulen oder Heimen betreut wurden.

Das beschreibt also lediglich eine Teilmenge aller Kinder und Jugendlichen mit Covid-Diagnose im Krankenhaus. Das Infektionsschutzgesetz sieht eine gesonderte Meldung solcher Fälle in Kitas, Schulen oder Heimen vor, weil Ausbrüche dort besonders relevant bei der Übertragung von Infektionskrankheiten sein können.

Tatsächlich waren insgesamt sehr viel mehr Kinder und Jugendliche mit einer Covid-19-Diagnose im Krankenhaus: Zwischen März 2020 und dem 13. Juli 2021 wurden laut RKI 5851 Fälle von hospitalisierten Kindern und Jugendlichen zwischen 0 und 17 Jahren mit Covid-19 gemeldet. Allein 2110 gemeldete Krankenhaus-Einweisungen gab es in der Altersgruppe 12 bis 17 - jene Minderjährige, für die auch das Impfen empfohlen wird. Eine Corona-Infektion verläuft für Kinder und Jugendliche in den allermeisten Fällen harmlos. Aber schwere Verläufe oder seltene Todesfälle kommen dennoch vor.

Die Zahl der Verdachtsfälle einer Nebenwirkung nach Impfung von Kindern und Jugendlichen stammt aus einem Sicherheitsbericht des in Deutschland für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) vom 20. September. Der «RT Deutsch»-Beitrag berichtet korrekt, dass dem PEI zu dem Zeitpunkt 1228 Verdachtsfälle einer Nebenwirkung nach Impfung bei Kindern und Jugendlichen bekannt waren.

Aus dieser Zahl lassen sich aber erst mal keine direkten Schlüsse zu einem angeblichen Risiko ziehen. «Allein die Zahl von Verdachtsfallmeldungen ist für Auswertungen zur Sicherheit von Impfstoffen nicht geeignet», teilte eine PEI-Sprecherin der Deutschen Presse-Agentur (dpa) mit. «Nicht jede Reaktion, die nach einer Impfung auftritt und als Verdacht einer Nebenwirkung oder Impfkomplikation gemeldet wird, ist gleichbedeutend mit von dem jeweiligen Impfstoff verursachten körperlichen Beschwerden.»

Die am häufigsten gemeldeten Verdachtsfälle von Nebenwirkungen betreffen zudem eher harmlose Impfreaktionen: Schmerzen an der Injektionsstelle, Kopfschmerzen, Müdigkeit und Fieber.

Werden viele Menschen in kurzer Zeit geimpft, wie gerade bei der Corona-Impfkampagne, ist es statistisch gesehen auch zu erwarten, dass Krankheiten, körperliches Unwohlsein und Todesfälle zufällig kurz nach einer Impfung auftreten. Die Verdachtsmeldungen von Nebenwirkungen dienen dem Zweck zu erkennen, ob bestimmte Krankheiten häufiger auftreten, als statistisch zu erwarten wäre. Erfolgreich erkannt wurde so das seltene Thrombose-mit-Thrombozytopenie-Syndrom (TTS) nach Vektorimpfstoffen sowie die Herzmuskelentzündungen (Myokarditis) nach mRNA-Impfung bei jungen Erwachsenen.

Dass sich Verdachtsmeldungen «häufen», wie es im Beitrag von «RT Deutsch» heißt, hat eher etwas mit Meldeverhalten zu tun. Das PEI bestätigte auf dpa-Anfrage, dass aufgrund des hohen öffentlichen Interesses an der Corona-Impfung mehr Verdachtsmeldungen eingingen, als es bei lange bekannten Impfstoffen der Fall sei. «Dazu kommt noch, dass jetzt bei dieser Kampagne das Paul-Ehrlich-Institut und viele andere öffentliche Institutionen ganz intensiv dazu aufrufen zu melden, um in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Daten zu erhalten», teilte eine Sprecherin mit. Es ist somit irreführend, die Zahlen der Verdachtsmeldungen von Nebenwirkungen bei Corona-Impfungen mit den Verdachtsmeldungen anderer Impfungen zu vergleichen.

Im Verlauf des Beitrags werden schließlich Rechnungen angestellt, wie viele Todesfälle unter Kindern und Jugendlichen noch auftreten könnten, wenn immer mehr geimpft werden. Als Fazit heißt es: «Der Berechnung zufolge könnte es zu drei- bis viermal mehr Todesfällen kommen, als mit Corona und ohne Impfung.» Für diese Behauptung gibt es keine Belege, sie ist rein spekulativ. Hier einen Zusammenhang zwischen Todesfällen und der der Impfung zu unterstellen, ist irreführend. Selbst für die drei bekannten Fälle von Kindern, die zeitlich kurz nach der Corona-Impfung starben, ist ein ursächlicher Zusammenhang laut PEI «bisher nicht beurteilbar» - also noch offen.

(Stand: 20. Oktober 2021)

Links

dpa-Bericht «Stiko-Empfehlung: Was Sie zur Corona-Impfung ab 12 wissen müssen» (archiviert)

RKI-Bericht vom 16. Juli (archiviert)

Epidemiologisches Bulletin des RKI mit Zahlen zu hospitalisierten Kindern mit Stand 13. Juli 2021 (archiviert)

Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) vom 20. September (archiviert)

dpa-Faktencheck «Auch Kinder müssen wegen Covid-19 im Krankenhaus behandelt werden»

dpa-Faktencheck «Verdachtsfälle werden häufiger gemeldet, nicht tatsächliche Nebenwirkungen»

Beitrag mit der falschen Behauptung (archiviert)

Kontakt zum dpa-Faktencheckteam: faktencheck@dpa.com