Telegram-Profil von Ex-«Bild»-Chef Reichelt ist Fake - «Anonymous» reklamiert Aktion für sich

20/10/2021, 09:18 PM (CEST)

Der Medienkonzern Axel Springer hat «Bild»-Chefredakteur Julian Reichelt von seinen Aufgaben entbunden. Kurze Zeit später taucht am 19. Oktober 2021 plötzlich der erste Post auf einem vermeintlichen Telegram-Konto Reichelts (archiviert) auf. In weiteren Meldungen auf dem Account äußert sich angeblich der bekannte Journalist zu seiner aktuellen Situation. Dahinter wird zunächst tatsächlich von einigen der Ex-«Bild»-Chef als Urheber vermutet (archiviert). Dabei sind von Anfang an starke Zweifel angebracht.

Bewertung

Der Telegram-Auftritt stammt nicht von Reichelt, sondern ist Fake. Das Hackerkollektiv «Anonymous» reklamiert später die Aktion für sich.

Fakten

Viele Nutzer halten den Account für authentisch - auch noch nach der Auflösung, die erst spät am Abend des 19. Oktober 2021 kommt: «Als wir (Anonymous) den Kanal hier in der letzten Nacht erstellt haben, hatten wir niemals damit gerechnet, dass der so dermaßen durch die Decke geht.» Zwischenzeitlich folgten dem gefakten Reichelt-Profil mehr als 52 000 Accounts. In einem ausführlichen Begleitschreiben auf «anonleaks.net» heißt es: «Auf Telegram glaubt dir jeder alles. Das ist die Quintessenz aus einer Kurz-Trollaktion, die wir spontan vergangene Nacht starteten.»

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Telegram-Account einige Verwirrung verursacht. Dabei war bereits bei den ersten Mitteilungen auf dem Telegram-Account äußerste Vorsicht geboten:

  • Auffällig waren zunächst etwa die für einen Journalisten ungewöhnlichen Rechtschreibfehler und der umgangssprachliche Jargon: «aber dann Rollen wir den Laden jetzt halt von hinten auf», heißt es unter anderem im ersten Post.
  • Ungewöhnlich war zudem, warum der angebliche Reichelt - bevor er überhaupt auf die «Bild»-Zeitung und seine Position beim Medienkonzern Axel Springer zu sprechen kommt - bereits bekannte Namen aus der Querdenken-, Rechtspopulisten- oder Verschwörungsszene thematisiert. Das müsste stutzig machen.
  • Der Screenshot eines E-Mail-Postfaches mit vermeintlichen Interviewanfragen ist weitgehend anonymisiert. Nur ein kleiner Hinweis auf die Nachrichtenagentur AFP ist zu erkennen. Diese dementierte nach Angaben des Leitenden Redakteurs Recherche bei t-online, Lars Wienand, bei Reichelt aktuell eine entsprechende Anfrage gestellt zu haben. Später gibt «Anonymous» an, der Screenshot stamme aus einem Postfach von Attila Hildmann, einem Antisemiten und Rechtsextremisten.
  • In einer Sprachnachricht ist zwar tatsächlich die Stimme Reichelts zu hören, die unter anderem über die Begriffe «Hetze» und «Fake News» spricht. Doch ist der Telegram-Post ist lediglich der Mitschnitt eines Interviews von 2017, in dem der damalige «Bild»-Chef einen journalistischen Blick auf die Situation in Deutschland gelegt hatte.
  • Grundsätzlich kann jede und jeder bei Telegram ein Profil eröffnen. Eine Kontrolle, ob sich dahinter tatsächlich die beschriebene Person versteckt, findet nicht statt. Bei anderen sozialen Medien wie etwa Twitter, Instagram und Facebook hingegen gibt es den sogenannten Verifizierungshaken, für den die Identität nachgewiesen werden muss.

«Sehr wahrscheinlich übrigens eine Trolling-Aktion von Anonymous», twittert am 19. Oktober der Daten- und Politikwissenschaftler Josef Holnburger bereits vor Aufdeckung der Kampagne. Er ist einer der Geschäftsführer des Centers für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS), das Desinformation und Radikalisierungstendenzen in sozialen Medien beobachtet.

Bis zum Nachmittag des 20. Oktober hatte sich Reichelt nicht persönlich oder via soziale Medien zur Beendigung seiner Chefredakteurstätigkeit oder zu dem Telegram-Account geäußert.

Trotz der vielen Ungereimtheiten wurde der Telegram-Account von einigen lange Zeit für authentisch angesehen.

Ein bei Corona-Pandemieleugnern und Rechtspopulisten beliebtes Blog etwa veröffentlichte einen Beitrag, der die angeblichen Reichelt-Posts zunächst ungeprüft für bare Münze nahm. Mittlerweile ruderte der Autor mit mehreren Nachträgen zu seinem Artikel zwar zurück. Doch in einer archivierten Version des Textes sieht man, wie völlig unkritisch anfangs mit dem Fake-Profil umgegangen wurde.

Was ist das besondere an Telegram? Anders als bei Facebook, Youtube und Twitter werden Beiträge dort weitgehend unreguliert und ohne Gegenposition verbreitet. Während soziale Medien eigentlich Interaktionen der Community hervorrufen sollen, ist Telegram im deutschsprachigen Raum zumeist ein Sprachrohr ohne Widerworte.

«Telegram ist aktuell die Plattform für Rechtsextremisten und Verschwörungsideologen», erläuterte jüngst Experte Holnburger in einem Gespräch der Deutschen Presse-Agentur.

(Stand: 20.10.2021)

Links

«Anonymous»-Stellungnahme auf Telegram (archiviert)

«Anonymous»-Stellungnahme auf «anonleaks.net» (archiviert)

Wienand über AFP-Interviewanfrage (archiviert)

Reichelt als «Bild»-Chefredakteur im Interview der Sendung «Joko & Klaas» (archiviert)

Twitter über Verifizierungshaken (archiviert)

Holnburger über vermeintlichen Reichelt-Account (archiviert)

Holnburger über Telegram (archiviert)

Reichelts offizieller Twitter-Account

Reitschuster über vermeintlichen Reichelt-Account (archiviert am 19.10.2021, 14.29 Uhr MESZ; archiviert am 20.10.2021, 11.48 Uhr MESZ)

Vermeintlicher Reichelt-Telegram-Account (archiviert am 19.10.2021, 14.42 Uhr MESZ; archiviert am 19.10.2021, 21:32 MESZ; archiviert am 20.10.2021, 6.50 Uhr MESZ)

Facebook-Post über vermeintlichen Reichelt-Telegram-Account (archiviert)

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