Keine «exorbitant hohe» Zahl an Sterbefällen nach Impfungen - keine kausalen Zusammenhänge bekannt

19/02/2021, 01:57 PM (CET)

Mit Kritik an angeblich «gleichgeschalteten Wissenschaftlern und Medien» versucht ein Artikel auf dem Blog «Philosophia Perennis», Zweifel an den bisherigen behördlichen Erkenntnissen zum Zusammenhang von Corona-Impfungen und Todesfällen zu wecken (hier archiviert). Der Vorwurf: Bei den bislang offiziell genannten 113 Menschen, deren Tod in einem zeitlichen Zusammenhang mit einer Corona-Impfung von den Behörden registriert wurde, würden hohes Alter und Vorerkrankungen als Faktoren angeführt - anders als bei den offiziell gemeldeten Corona-Todesfällen. Die Rede ist von «exorbitant hohen Sterbefällen» - gemeint ist wohl eine unerwartet hohe Zahl an Sterbefällen nach Corona-Impfungen. Zudem behauptet der Artikel: In Österreich gebe es «umfangreiche Weigerungen von Pflegepersonal», sich impfen zu lassen.

BEWERTUNG: Die 113 Fälle stellen nach Einschätzung des zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts und von Experten keinen unerwartet hohen Wert dar. Der Vergleich mit Corona-Todesfällen hinkt zudem: Während es bei den erwähnten 113 Todesfällen nach offiziellen Angaben keine Hinweise auf einen kausalen Zusammenhang zwischen Impfung und Tod gibt, ist bei den offiziell vermeldeten Corona-Toten die Erkrankung eine oder die alleinige laborbestätigte Todesursache. Die Impf-Verweigerungen in Österreich beziehen sich nur auf einen konkreten Impfstoff - aus Sorge, dass dieser nicht wirksam genug sein könnte.

FAKTEN: Im Blogartikel wird unter anderem ein Bericht des ARD-Magazins «Panorama» zitiert. Darin geht es um Recherchen des Magazins, die ergaben: Es gab «nicht einen einzigen Fall, in dem die Impfung zum Tod führte».

Hintergrund des Panorama-Berichts ist der auch auf «Philosophia Perennis» erwähnte Sicherheitsbericht des für die Impfstoffzulassung zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts (PEI). Aber auch dieser bietet keinerlei Belege für die Vermutung, die genannten 113 Todesfälle stünden in einem kausalen und nicht lediglich in einem zeitlichen Zusammenhang zur Impfung.

Bereits die zitierte Zahl geht auf den Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts zurück, das diesen am 4. Februar 2021 veröffentlicht hat. Hintergrund sind Meldungen von Ärzten, die gegenüber den Gesundheitsämter gesetzlich verpflichtet angeben müssen, wenn es zu Komplikationen nach Impfungen kommt - «auch Meldungen in rein zeitlichem und nicht notwendigerweise ursächlichem Zusammenhang», wie das PEI schreibt. Der Sicherheitsbericht bezieht sich dabei auf die bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung eingesetzten Impfstoffe der Firmen Biontech/Pfizer und Moderna.

Neben Einschätzungen zu beobachteten Nebenwirkungen widmet sich das Institut in einem Abschnitt auch beobachteten Todesfällen - 113 an der Zahl. Als Todesursachen gibt das PEI 20 Fälle «im Rahmen einer COVID-19-Erkrankung» an - und spricht mit einer Ausnahme von einem «inkompletten Impfschutz», was mit der Zahl der verabreichten Dosen, aber auch dem Zeitraum zwischen Impfung und erreichter Immunität zusammenhängen kann. Bei 33 weiteren Todesfällen gibt das PEI «multiple Vorerkrankungen» an, in zehn Fällen andere Infektionskrankheiten, in 50 Fällen unbekannte Todesursachen. Von Impfungen als Todesursache ist an keiner Stelle die Rede.

Auch wird die Zahl 113 vom PEI nicht als unerwartet oder «exorbitant» hoch eingestuft. Auf Basis einer Wahrscheinlichkeitsrechnung schreibt das PEI, «dass die beobachtete Anzahl an Todesfällen nach Impfung die erwartete Anzahl Todesfälle ohne Impfung nicht übersteigt». In die Rechnung einbezogen wurden unter anderem die Zahl der verabreichten Impfdosen und die übliche Zahl der jährlichen Todesfälle in der betreffenden Altersgruppe. An seiner Einschätzung hält das Institut auch in einem aktualisierten Bericht vom 18. Februar fest, in dem die Zahlen erwartungsgemäß etwas gestiegen sind.

Eine Erläuterung der Wahrscheinlichkeitsrechnung findet sich auch in einem Nachtrag zum «Panorama»-Bericht. Hintergrund der Rechnung ist, was Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission, bei «Panorama» erklärt: Es gibt eine statistische Wahrscheinlichkeit, dass Menschen kurz nach den Impfungen versterben. Diese ist umso höher, je älter die geimpfte Gruppe ist und je mehr Menschen geimpft werden. Mertens' Zitat lässt sich aber wiederum nicht in dem vom «Philosophia Perennis» angedeuteten Sinn einer «Entschuldigung» auf die konkreten 113 Todesfälle beziehen.

Der Vergleich mit dem immer wieder erhobenen Vorwurf, am oder mit dem Coronavirus würden viele ältere Menschen mit Vorerkrankungen sterben, die ohnehin bald in der Statistik wären, ist hier ungenau: Zwar sind in der Erhebung der Todesfälle durch oder im Zusammenhang mit Corona Fehler möglich. Zugrunde gelegt wird aber immer eine Labordiagnose. Auch epidemiologische Kennziffern wie etwa die Übersterblichkeit deuten darauf hin, dass in Deutschland im Jahr 2020 aufgrund von Covid-19 in einigen Regionen, Altersgruppen und Zeiträumen mehr Menschen verstorben sind als zu erwarten war. Bei Todesfällen nach Corona-Impfungen gibt es solche statistischen Auffälligkeiten nicht.

Ungenau und in einen verfälschenden Kontext eingebettet ist auch die Ergänzung am Ende des Artikels, in Österreich gebe es «umfangreiche Weigerungen von Pflegepersonal», sich impfen zu lassen. Im konkreten Fall geht es um mehrere Hundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Uniklinikums Graz, die sich in einem offenen Brief gegen Pläne wenden, mit dem Impfstoff der Firma Astrazeneca geimpft zu werden. Hintergrund ist jedoch nicht die Sorge vor Nebenwirkungen, sondern dass dieser gegen neu aufgetretene Virusvarianten weniger wirksam sein könnte als andere Impfstoffe.

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Links:

«Panorama»-Beitrag (11.02.2021, mit Nachtrag vom 12.02.2021): https://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2021/Corona-Tod-nach-Impfung,coronaimpfung130.html (archiviert: https://archive.vn/6WQtL)

Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts mit Zahl der Todesfälle bei Geimpften (04.02.2021): https://www.pei.de/SharedDocs/Downloads/DE/newsroom/dossiers/sicherheitsberichte/sicherheitsbericht-27-12-bis-31-01-21.pdf?__blob=publicationFile&v=5 (archiviert: http://dpaq.de/1KzN2)

Aktualisierter Sicherheitsbericht (18.02.2021): https://www.pei.de/SharedDocs/Downloads/DE/newsroom/dossiers/sicherheitsberichte/sicherheitsbericht-27-12-bis-12-02-21.pdf?__blob=publicationFile&v=7 (archiviert: http://dpaq.de/ScuHX)

BR-«#Faktenfuchs» zur Zählweise bei Corona-Todesfällen (03.04.2021): https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/faktenfuchs-so-werden-corona-todesfaelle-gezaehlt,RtnpYVL (archiviert: https://archive.vn/ntbn8)

dpa-Faktencheck zur Übersterblichkeit in Deutschland 2020: https://dpa-factchecking.com/germany/210114-99-24299/

«Heute.at» über offenen Brief am Uniklinikum Graz (12.02.2021): https://www.heute.at/s/800-spitalsmitarbeiter-verweigern-astrazeneca-impfung-100127616 (archiviert: https://archive.vn/3umUe)

Beitrag auf «Philosophia Perennis»: https://philosophia-perennis.com/2021/02/11/deutschland-bereits-113-menschen-nach-covid-impfung-verstorben/ (archiviert: https://archive.vn/AMUc1)

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