Statistisches Bundesamt sieht Übersterblichkeit in Corona-Pandemie

05/01/2021, 04:35 PM (CET)

Um die Gefährlichkeit des Coronavirus herunterzuspielen, wird die Zahl der insgesamt in Deutschland Gestorbenen im Jahr 2020 häufig mit angeblich höheren Todeszahlen vergangener Jahre verglichen. Es wird etwa behauptet, trotz Pandemie seien übers Jahr gesehen 54 000 Menschen weniger gestorben als noch 2019. So soll es 2020 rund 885 800 Tote gegeben haben, während im Jahr zuvor rund 940 000 Menschen gestorben seien. «Eine mehr als deutliche Untersterblichkeit» suggerieren damit mehrere Sharepics in den sozialen Medien (etwa hier und hier archiviert).

BEWERTUNG: Zahlen und Behauptungen sind falsch. Vorläufige Daten deuten auf eine Übersterblichkeit hin - vor allem wegen der Corona-Pandemie.

FAKTEN: Im Jahr 2020 hat die Corona-Pandemie allein in Deutschland mehr als 33 000 Menschen das Leben gekostet, wie aus den Zahlen des Robert Koch-Insituts ersichtlich ist.

Wie sich dies auf die nationale Sterbefallstatistik insgesamt auswirkt, hat das Statistische Bundesamt kürzlich in Sonderauswertungen dargelegt - eine erschienen am 18. Dezember (mit einer Analyse aller Sterbefälle bis 22. November), die andere am 30. Dezember 2020 (Sterbefälle bis 30. November). Aussagen über das Gesamtjahr 2020 traf das Statistikamt Anfang Januar 2021 noch nicht.

Die offiziellen Daten widersprechen deutlich den in sozialen Netzwerken verbreiteten Angaben. So zeigte sich etwa, dass allein bis Ende November 2020 bereits 874 340 Menschen in Deutschland gestorben sind. In Postings etwa auf Facebook bemaßen sich die Sterbefallzahlen für das gesamte Jahr 2020 in ähnlicher Größenordnung - also inklusive Dezember.

Eine Annahme: Sollten im Dezember weitere 75 000 Menschen gestorben sein - ein Durchschnittswert, der angesichts der aktuell steigenden Sterberate sehr defensiv gewählt ist und durchaus noch höher sein kann -, so beliefe sich die Gesamtsterbezahl gen Jahresende auf rund 950 000 Tote. Sie läge damit über dem Niveau des Vorjahres von knapp 940 000 Gestorbenen - und nicht wie behauptet darunter.

Auch bei detailgenauer Betrachtung der Sterbezahlen zeigt sich, dass es während der Corona-Pandemie nicht zu einer Unter-, sondern Übersterblichkeit kam. So zeigten sich etwa von Kalenderwoche 13 bis 18 (23. März bis 3. Mai), also während der ersten Welle, durchgehend und deutlich erhöhte Sterbefallzahlen verglichen mit den Vorjahren.

In der 15. Kalenderwoche (6. bis 12. April) war die Abweichung mit 14 Prozent über dem vierjährigen Mittel am größten. Die Zahl der Covid-19-Todesfälle erreichte in dieser Woche ihren damaligen Höchststand.

Auch seit Mitte Oktober, also mit Anschwellen der zweiten Welle, liegt die Zahl der Sterbefälle wieder deutlich über jener der Vorjahre. Vor allem die jüngsten erfassten Zahlen sind alarmierend: In Kalenderwoche 48 (23. bis 29. November) war die Zahl der Sterbefälle um 14 Prozent höher als in den Vorjahren.

Im besonders vom Coronavirus betroffenen Sachsen wurden für die letzte Novemberwoche gar 55 Prozent Sterbefälle mehr als im Vorjahresdurchschnitt gemeldet. Das sind 586 mehr Menschen, die ihr Leben verloren.

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Links:

Beitrag auf Facebook vom 20.12.2020: https://www.facebook.com/photo.php?fbid=3505769359520438&set=a.160352827395458&type=3 (archiviert: https://archive.is/UTosv)

Beitrag auf Facebook vom 3.1.2021: https://www.facebook.com/NRWSchautNichtWeg/posts/619719555467714 (archiviert: https://archive.vn/Ihh57)

Covid-19-Lagebericht für Deutschland, Stand 31.12.2020: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/Dez_2020/2020-12-31-de.pdf?__blob=publicationFile (archiviert: http://dpaq.de/MoTtO)

Pressemeldung zur Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes vom 18.12.2020 (archiviert): https://archive.is/RDYyu

Pressemitteilung zu Sterbefallzahlen im November 2020 des Statistischen Bundesamtes vom 30.12.2020: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/12/PD20_536_12621.html (archiviert: https://archive.is/BbrGp)

Pressemitteilung zu Todesfällen 2019 des Statistischen Bundesamtes: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/_inhalt.html (archiviert: https://archive.is/dsETm)

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