Impfung sorgte nicht für 50 Millionen Grippetote

24/08/2020, 03:30 PM (CEST)

In einem vielfach geteilten Sharepic bei Facebook wird behauptet, dass zu Zeiten der «Spanischen Grippe» 1918/19 «allein die Impfung» mehr als 50 Millionen Menschen tötete.

BEWERTUNG: Es gibt keine Belege dafür, dass während der Spanischen Grippe 50 Millionen Menschen an den Folgen einer Impfung starben. Grippeimpfstoffe waren zu dieser Zeit weder entwickelt noch verbreitet.

FAKTEN: Zwischen Frühjahr 1918 und Anfang 1919 verbreitete sich eine Influenzapandemie in drei Wellen über die Welt. Nach jüngeren Berechnungen starben bis zu 50 Millionen Infizierte. Allein in Deutschland fielen mehr als 400 000 Menschen der Influenzapandemie zum Opfer.

Durch die Untersuchung konservierten Lungengewebes, das einem an Grippe verstorbenen Soldaten 1918 entnommen worden war, konnten Forscher zuletzt gar den genauen Typ des Grippevirus bestimmen: Ein Team um die amerikanischen Virologen Jeffery Taubenberger und Ann Reid ermittelte durch Genanalysen zweifelsfrei, dass die Pandemie 1918/1919 durch ein Influenzavirus vom Typ A (Subtyp H1N1) verursacht wurde.

Das Reservoir solcher Influenza-A-Viren sind Vögel, hauptsächlich Wasservögel. In ihnen entwickeln und vermehren sich die Erreger, ehe sie auf andere empfängliche Lebewesen - etwa den Menschen - überspringen.

Es gibt keinerlei Belege dafür, dass sich die Grippeerreger seinerzeit nicht natürlich verbreiteten, sondern injiziert wurden - und 50 Millionen Menschen an den Impffolgen starben. Denn die verheerende Influenzapandemie markiert erst den Beginn der Grippeforschung und, langfristig, der Entwicklung einer Grippeimpfung.

Während der Pandemie kam bei Wissenschaftlern erstmals die Vermutung auf, dass die Grippe nicht - wie bislang angenommen - bakteriell, sondern virenverursacht ist. Anfang der 1930er Jahre gelang es englischen Forschern erstmals, das Influenza-A-Virus aus Nasensekret sowie «neutralisierende» Antikörper zu isolieren.

In den folgenden Jahren fanden wichtige Entwicklungsschritte statt. Unter anderem machten Forscher aus, dass das Influenzavirus gut in befruchteten Hühnereiern wächst, aus welchen es extrahiert und dann zu Impfstoffen verarbeitet werden kann. Dieses Verfahren wird bis heute zur Herstellung der meisten Influenza-Impfstoffe angewendet. Parallel fanden die ersten klinischen Testreihen mit Influenza-Impfstoffen statt.

Bis Mitte der 1940er Jahre wurden nach umfangreichen Studien die ersten Grippeimpfstoffe in den USA zugelassen. In Europa erfolgte eine Zulassung erst in den 1960er Jahren. Zu Zeiten der «Spanischen Grippe» gab es demnach noch keinen weit entwickelten und verbreiteten Impfstoff.

Birgit Morgenroth, Sprecherin des Paul Ehrlich-Instituts, des Bundesinstituts für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, bestätigt gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa) die Recherche: «Unseres Wissens gab es zurzeit der Spanischen Grippe noch keine Influenza-Impfstoffe. Was nicht heißt, dass es vielleicht einzelne Versuche gab. Aber bestimmt keine strukturierte Impfstoffentwicklung und -produktion für 50 Millionen – die dann alle starben.»

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Links:

Posting bei Facebook: https://www.facebook.com/photo.php?fbid=810205952717409&set=a.230508710687139&type=3&theater (archiviert: archive.vn/GG2Z2)

Infos zur Grippepandemie 1918/19: https://www.cdc.gov/flu/pandemic-resources/1918-pandemic-h1n1.html (archiviert: http://archive.vn/bC91V)

Infos zu Todesfällen durch Influenzapandemie in Deutschland 1918 bis 2009: https://edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/2714/23hZCXoKbh6Dc.pdf?sequence=1&isAllowed=y (archiviert: dpaq.de/aKV4E)

Infos zu Influenzapandemien: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/I/Influenza/IPV/Bevoelkerungsschutz_03-2007.pdf?__blob=publicationFile (archiviert: http://dpaq.de/7J9OA)

Aufsatz über Genanalyse des Grippevirus: https://www.nature.com/articles/nature04230 (archiviert: http://archive.vn/XDPmy)

Aufsatz zur Geschichte der Influenza-Impfung (ab «The thirties: virus isolation and the first experimental vaccines»): https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5139605/ (archiviert: http://dpaq.de/pocTe)

Website des Paul Ehrlich-Instituts: https://www.pei.de/ (archiviert: http://dpaq.de/ToFgj)

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