Exzess-Schätzungen zur Grippe nicht mit laborbestätigten Fällen vergleichbar

13/07/2020, 02:49 PM (CEST)

Eine bei Facebook verbreitete Grafik soll den Eindruck erwecken, die offizielle Zahl der Grippetoten in Deutschland sei in der Corona-Krise im Vergleich zu früheren Jahren unverhältnismäßig stark gesunken. «Wo sind die Grippe Viren hin? Während in den letzten Jahren im Schnitt über 20.000 Menschen an der Grippe gestorben sind, sind es dieses Jahr aktuell 434», heißt es. (http://dpaq.de/bz0Wh)

BEWERTUNG: Die Rechnung führt in die Irre, weil die Zahlen nicht miteinander vergleichbar sind. Zum einen geht es um statistische Schätzungen, zum anderen um Infektionen, die im Labor bestätigt wurden. Zudem ist der angegebene Durchschnittswert von 20 000 Toten deutlich zu hoch.

FAKTEN: Jedes Jahr veröffentlicht das Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin seinen «Bericht zur Epidemiologie der Influenza in Deutschland». In der Tabelle zu Todesfällen aus dem Saison-Bericht 2018/19 (http://dpaq.de/rfqXi) finden sich für die zurückliegenden Jahre zwei unterschiedliche Zahlenreihen:

Einmal geht es um Todesfälle mit durch Labore bestätigter Influenzainfektion. In der Saison 2017/18 zum Beispiel waren das 1674. Links daneben findet sich die sogenannte «Exzess-Schätzung» - hier ist von 25 100 Fällen die Rede.

Die Forscher versuchen auf diese Weise, vermutlich durch Grippe verursachte Todesfälle auch über die gemeldeten hinaus statistisch zu erfassen. «Im Gegensatz zu anderen Erkrankungen kann man sich bei Influenza nicht auf die Angaben auf dem Totenschein verlassen», erklärt das RKI. (http://dpaq.de/mNCrp) Daher sei es üblich, «die der Influenza zugeschriebene Sterblichkeit» mit Hilfe statistischer Verfahren zu schätzen.

Was heißt das konkret? Dazu das RKI: «Die Zahl der mit Influenza in Zusammenhang stehenden Todesfälle wird – vereinfacht dargestellt – als die Differenz berechnet, die sich ergibt, wenn von der Zahl aller Todesfälle, die während der Influenzawelle auftreten, die Todesfallzahl abgezogen wird, die (aus historischen Daten berechnet) aufgetreten wäre, wenn es in dieser Zeit keine Influenzawelle gegeben hätte. Das Schätz-Ergebnis wird als sogenannte Übersterblichkeit (Exzess-Mortalität) bezeichnet.» (http://dpaq.de/SVfS2; unter: «Wie werden Todesfälle durch Influenza erfasst?»)

Die bei Facebook verbreitete Grafik setzt nun aber die bis Mitte April 2020 gemeldeten Todesfälle mit durch Labore bestätigter Influenzainfektion (434; http://dpaq.de/4AOWe) in Beziehung zu den Schätzzahlen der Saisons 2014/15 (21 300), 2016/17 (22 900) und 2017/18 (25 100) (http://dpaq.de/rfqXi).

Zwar wird am unteren Rand der Grafik sogar darauf hingewiesen, dass es sich zum Teil um geschätzte und zum Teil um bestätigte Zahlen handelt. Text und Grafik aber stellen dennoch einen vermeintlichen Zusammenhang her, der den Leser in die Irre führt.

Vergleicht man hingegen die 434 gemeldeten Todesfälle mit den April-Zahlen der Vorjahre, ergibt sich ein anderes Bild: So gab es in der Saison 2014/15 bis Mitte April nur 227 gemeldete Tote (http://dpaq.de/dupVk), 2016/17 waren es 677 (http://dpaq.de/M6Rwv) und 2017/18 - während einer ungewöhnlich schweren Grippewelle (http://dpaq.de/eJ1cE) - 1 414 (http://dpaq.de/GKCcn).

In der vorigen Saison 2018/19 wurden bis Mitte April 811 Todesfälle mit durch Labore bestätigter Influenzainfektion gemeldet (http://dpaq.de/zt7ev).

Die Behauptung, hierzulande seien «in den letzten Jahren im Schnitt über 20.000 Menschen an der Grippe gestorben», ist falsch. Die Exzess-Schätzung der Experten lag in mehreren Jahren bei null - wie zum Beispiel 2013/14 oder 2015/16 (http://dpaq.de/rfqXi). So ergibt sich als Durchschnitt der Saisons 2007/08 bis 2017/18 für die Exzess-Schätzungen ein Wert von gut 10 000 Toten.

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Links:

Post bei Facebook: https://www.facebook.com/BDDEM2015/posts/1385565074961391 (archiviert: http://dpaq.de/bz0Wh)

RKI - Wie Grippetote geschätzt werden: https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2011/Ausgaben/10_11.pdf?__blob=publicationFile (archiviert: http://dpaq.de/mNCrp)

RKI - Fragen und Antworten: https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/Influenza/FAQ_Liste.html (archiviert: http://dpaq.de/SVfS2)

Influenza-Wochenbericht KW 15/2020: https://influenza.rki.de/Wochenberichte/2019_2020/2020-15.pdf (archiviert: http://dpaq.de/PUOZE)

Influenza-Wochenbericht KW 15/2015: https://influenza.rki.de/Wochenberichte/2014_2015/2015-15.pdf (archiviert: http://dpaq.de/dupVk)

Influenza-Wochenbericht KW 15/2017: https://influenza.rki.de/Wochenberichte/2016_2017/2017-15.pdf (archiviert: http://dpaq.de/M6Rwv)

Influenza-Wochenbericht KW 15/2018: https://influenza.rki.de/Wochenberichte/2017_2018/2018-15.pdf (archiviert: http://dpaq.de/GKCcn)

Influenza-Wochenbericht KW 15/2019: https://influenza.rki.de/Wochenberichte/2018_2019/2019-15.pdf (archiviert: http://dpaq.de/zt7ev)

Ärzteblatt zur Grippewelle 2017/18: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/106375/Grippewelle-war-toedlichste-in-30-Jahren (archiviert: http://dpaq.de/eJ1cE)

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