Falscher Kontext

Video zeigt Region um den von der Hamas durchbrochenen Grenzzaun

14.12.2023, 15:50 (CET)

Der Vorwurf des Selbstbeschusses ist eine beliebte Taktik, um Angriffe zu relativieren. Nach Vorwürfen gegen die Ukraine sind nun auch welche gegen Israel viral.

Die Umdeutung von geopolitischen Ereignissen ist ein beliebtes Handwerk in verschwörungstheoretischen Kreisen. Ein angebliches Beweisvideo soll dabei etwa belegen, dass ein Helikopter der israelischen Armee auf die Besucher eines Musikfestivals in Israel geschossen hat. Ist das korrekt?

Bewertung

Das ist falsch. Das von den israelischen Streitkräften veröffentlichte Video zeigt keinen Beschuss von Festivalbesuchern, sondern ist mehrere Kilometer entfernt an der Grenze zum Gazastreifen entstanden. Beschossen werden vermutlich mutmaßliche Hamas-Terroristen.

Fakten

Recherchiert man die Herkunft des Videos, ist festzustellen, dass die israelischen Streitkräfte (IDF) selbst das Bildmaterial am 9. Oktober auf X veröffentlicht haben. Am Ende eines über zweiminütigen Videos sind die Aufnahmen zu sehen, die in sozialen Medien mit der abgeschossen werden.

Zwei der gezeigten Standorte auf einer freien Fläche wurden von Geolocation-Experten über einen Abgleich mit Satellitenbildern eindeutig verortet. Entstanden sind sie in der Nähe des Grenzzauns zwischen Israel und dem Gazastreifen.

Aufnahmeort weit von Festival entfernt

Fest steht, dass der verifizierte Aufnahmeort rund zehn Kilometer vom überfallenen Musikfestival entfernt liegt. Zu Fuß wäre dies eine weite Strecke für flüchtende Besucher gewesen, Videos zeigen außerdem, dass sie eher in die östliche Richtung flohen und nicht zum Grenzzaun.

Am 7. Oktober haben Hamas-Terroristen diesen Zaun durchbrochen und einen Angriff auf israelische Zivilisten gestartet. Helikopter wurden Medienberichten zufolge erst Stunden später eingesetzt. Das Video könnte also in den Gazastreifen zurückkehrende Angreifer der Hamas zeigen, die nahe gelegene israelische Kibbuze überfallen hatten.

«Haaretz»-Artikel befeuert Falschbehauptungen

Die israelische Zeitung «Haaretz» berichtete am 18. November, dass laut einer anonymen Quelle in der israelischen Polizei ein Kampfhubschrauber am Ort des Festivals beim Abschuss von Terroristen «anscheinend auch einige Besucher getroffen» habe. Ob dies tatsächlich der Fall war und wie viele Opfer es dadurch gegeben hat, ist bis heute nicht bestätigt. Die Zeitung «Jediot Achronot» schrieb am 15. Oktober, dass die Luftwaffe davon ausgehe, mit ihrem Eingreifen viel mehr Tote verhindert zu haben.

Bei dem Angriff der Hamas starben israelischen Angaben zufolge rund 1200 Menschen, überwiegend Zivilisten. Bei dem Musikfestival wurden 364 Menschen getötet. In sozialen Medien kursieren seitdem auch Falschbehauptungen über Videos, die angeblich zeigen, wie Besucher durch Schüsse von israelischen Sicherheitskräften getötet wurden. Der Vorwurf des Selbstbeschusses wurde auch wiederholt im Krieg in der Ukraine geäußert, um die tatsächliche Rolle von Aggressoren umzudeuten.

(Stand: 14.12.2023)

Links

Video des israelischen Militärs via X (9.10.2023) (archiviert; Video archiviert)

Geolokalisierung durch «GeoConfirmed» (10.11.2023) (archiviert)

Bericht von «Jediot Achronot» (15.10.2023, Hebräisch) (archiviert)

Aufnahmeort auf Google Maps (archiviert)

Ort des Festivals auf Google Maps (archiviert)

Videos und Geolokalisierungen vom Festival (9.10.2023) (archiviert)

Bericht von «Haaretz» (18.11.2023, Englisch, Bezahlinhalt) (archiviert)

dpa-Faktencheck zu Videos vom Festival (13.10.2023)

dpa-Faktencheck zu Seriennummer von Rakete in der Ukraine (22.4.2022)

Beitrag auf Facebook (archiviert)

Falschbehauptung in Artikel (archiviert; Video archiviert)

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