PCR-Tests können Virus-RNA im Körper nachweisen

03/09/2020, 01:45 PM (CEST)

In Österreich und in anderen Ländern wird ein sogenannter PCR-Test verwendet, um eine Ansteckung mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 zu überprüfen. Angeblich könne dieser Test jedoch kein Virus nachweisen, heißt es in den sozialen Netzwerken, etwa bei Facebook. Das habe vermeintlich auch der Erfinder des PCR-Tests, Kary Mullis, zugegeben.

BEWERTUNG: Eine grundsätzliche Ablehnung seitens Mullis zum Einsatz des PCR-Tests als Viren-Nachweis ist nicht belegt. Die PCR-Methode wird seit Jahren für die Diagnostik in der Medizin verwendet - auch für den Virusnachweis.

FAKTEN: PCR steht für «Polymerase Chain Reaction», zu Deutsch: Polymerase-Kettenreaktion. Der US-amerikanische Biochemiker Kary Mullis entwickelte diese Methode und erhielt dafür 1993 den Nobelpreis für Chemie. Die PCR wird verwendet, um spezifische Partikel aus sehr kleinen Mengen DNA (Erbgut) zu vervielfältigen - bis genug vorhanden ist, um sie zu analysieren.

Da ein PCR-Test DNA analysiert, kann er auch Viren, einschließlich Sars-CoV-2, nachweisen. Denn ein Virus ist ein kleines Partikel genetischen Materials wie RNA oder DNA, das manchmal in einer Proteinhülle verpackt ist.

Die Behauptung, dass Mullis die Verwendung beim Nachweis von Viren angeblich ablehnt, geht vermutlich auf einen englischsprachigen Blogartikel aus dem Jahr 1996 zurück. Zu finden ist er auf einer Seite, die sich mit einem Verschwörungsmythos befasst. Demnach soll das HI-Virus angeblich kein Aids auslösen. Diesem Mythos hing auch Mullis an - wofür er scharf kritisiert wurde.

Im Blogartikel heißt es: «Obwohl es ein verbreitetes Missverständnis ist, dass der Viruslast-Test tatsächlich die Anzahl der Viren im Blut misst, können diese Tests überhaupt keine freien infektiösen Viren nachweisen.» Der Satz ist nicht als Zitat Mullis' gekennzeichnet und stammt vom Autoren des Artikels. Dieser führt weiter aus: «Bei PCR ist es die Absicht, Substanzen qualitativ zu identifizieren, aber es ist von seiner Natur aus nicht geeignet, um Zahlen zu ermitteln». Zusammengefasst: PCR-Tests seien nicht in der Lage, Viren im Körper zu «zählen». Dennoch können sie die Existenz von Virus-RNA im Körper nachweisen.

Dass PCR-Tests Schwächen haben, ist kein Geheimnis. Auch in Deutschland diskutieren Virologen über ihren Einsatz, wie diversen Medienberichten zu entnehmen ist. Der Berliner Virologe Christian Drosten forderte in einem Gastbeitrag in der Wochenzeitung «Die Zeit» Anfang August etwa einen Strategiewechsel bei Testungen «auf Infektiosität statt auf Infektion». Wenn man sich zutraute, aus den vorliegenden wissenschaftlichen Daten eine Toleranzschwelle der Viruslast abzuleiten, «könnten Amtsärzte diejenigen sofort aus der Abklingzeit entlassen, deren Viruslast bereits unter die Schwelle gesunken ist», so Drosten.

Im Fokus steht dabei der Ct-Wert. Dieser gibt an, wie viele PCR-Zyklen durchlaufen werden müssten, um die Virus-RNA von Sars-CoV-2 nachzuweisen. Je höher der Ct-Wert ist, desto geringer die Viruskonzentration in der untersuchten Probe. Das deutsche Robert Koch-Institut (RKI) gibt in seinen «Entlassungskriterien aus der Isolierung» an: Ein PCR-Ergebnis mit einem Ct-Wert größer 30 stelle kein negatives PCR-Ergebnis dar, sondern einen positiven RNA-Nachweis mit einer dem hohen Ct-Wert entsprechend «geringen Viruslast».

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlichte am 17. Januar 2020 Empfehlungen über den Nachweis des neuartigen Coronavirus mithilfe eines PCR-Tests. Diese Empfehlungen gehen zurück auf ein Testprotokoll, das ein Team um den Berliner Virologen Drosten im Januar entwickelt hat. Auch bei der Sars-Epidemie 2002/2003 wurde ein PCR-Test zur Diagnose verwendet.

Die Behauptung, dass der Erfinder des PCR-Tests dessen Einsatz bei Viren ablehnt, kursiert unter anderem auch in den USA und wurde dort von Faktencheckern der Nachrichtenagentur Reuters widerlegt.

---

Links:

Facebook-Posting: https://www.facebook.com/jurgen.hoffernig/posts/10207841762157924
(archiviert: https://archive.is/PrXG7)

Nobelpreiskomitee über Kary B. Mullis und die PCR-Methode: https://www.nobelprize.org/prizes/chemistry/1993/mullis/facts/(archiviert: http://dpaq.de/1y2nP)

Blogartikel über HIV-Mythen «Has Provincetown become Protease Town?»: https://www.virusmyth.org/aids/hiv/jlprotease.htm (archiviert: http://dpaq.de/3TLKQ)

Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation zum Labortest auf das neuartige Coronavirus:
https://apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/330676/9789240000971-eng.pdf (archiviert: http://dpaq.de/lzxxd)

Informationsseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung über Viren: 
https://www.infektionsschutz.de/infektionskrankheiten/erregerarten/viren.html (archiviert: http://dpaq.de/gsPds)

Transkript des Interviews mit Kary B. Mullis (Juni 2005): https://www.nobelprize.org/prizes/chemistry/1993/mullis/25900-interview-transcript-1993/ (archiviert: http://dpaq.de/rkocC)

Intolerable Genius: Berkeley’s Most Controversial Nobel Laureate: https://alumni.berkeley.edu/california-magazine/winter-2019/intolerable-genius-berkeleys-most-controversial-nobel-laureate
(archiviert: http://dpaq.de/692X8)

Artikel in der «New York Times» - «Scientist at Work/Kary Mullis; After the 'Eureka,' a Nobelist Drops Out»: https://www.nytimes.com/1998/09/15/science/scientist-at-work-kary-mullis-after-the-eureka-a-nobelist-drops-out.html?pagewanted=2
(archiviert: https://archive.vn/SUjJ3)

«n-tv»-Artikel «Zu viele positiv Getestete harmlos»: https://www.n-tv.de/wissen/Zu-viele-positiv-Getestete-harmlos-article22006224.html (archiviert: https://archive.is/iL0n4)

Gastbeitrag von Christian Drosten in der «Zeit»: https://www.zeit.de/2020/33/corona-zweite-welle-eindaemmung-massnahmen-christian-drosten/komplettansicht (archiviert: https://archive.is/MR1Zm)

Empfehlungen des Robert Koch-Instituts:
https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Entlassmanagement.html#:~:text=Ein%20PCR%2DErgebnis%20mit%20einem,einem%20Verlust%20der%20Anz%C3%BCchtbarkeit%20einhergeht.
(archiviert: https://archive.is/wUsDD)

Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation zur Diagnose von Sars mit einem PCR-Test (29. April 2003):
https://www.who.int/csr/sars/coronarecommendations/en/ (archiviert: https://archive.vn/UVLho)

Reuters-Faktencheck: 
https://www.reuters.com/article/uk-factcheck-pcr/fact-check-inventor-of-method-used-to-test-for-covid-19-didnt-say-it-cant-be-used-in-virus-detection-idUSKBN24420X (archiviert: http://dpaq.de/PH852)

---

Kontakt zum Faktencheck-Team der dpa: factcheck-oesterreich@dpa.com